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50 Jahre Sonnenfinsternisbeobachtung 1976-2026

Partielle Sonnenfinsternis am 29. April 1976, Foto: Heinz Berck

Auf meiner Internetseite „eclipseland.com“ berichte ich von meiner ersten Sonnenfinsternisbeobachtung vor 50 Jahren wie folgt:

„Die erste Sonnenfinsternis, die ich erlebt habe, beobachtete ich im Alter von 12 Jahren am 29. April 1976. Mit einer rußgeschwärzten Taucherbrille setzte ich meine Augen unwissentlich der Gefahr der starken Infrarotstrahlung aus, die die Augen bis zur Erblindung schädigen kann. Auf meinen Wunsch gab meine Mutter mir die Taucherbrille mit in die Schule. Es war ein wolkenloser schöner Frühlingstag. Ich beobachtete während der zweiten Pause vom Schulhof und später durch die Fenster an einem der Innenhöfe der gerade neu erbauten Weibelfeldschule in Dreieich-Dreieichenhain und ließ interessierte Mitschüler auch mal durchsehen. Ich war der letzte, der nach der Pause das Klassenzimmer wieder betrat. Nach der Schule war nichts mehr vom die Sonne verdeckenden Mond zu erkennen. Ich dachte daran, dass es doch auch mal für eine totale Bedeckung reichen müsste. Irgendwann erfuhr ich, dass es in Deutschland, weit, weit in der Zukunft, erst im Jahr 1999 so weit sein sollte.“

Kurz nach meinem 12. Geburtstag im April 1976 muss ich aus Fernsehen oder Zeitung erfahren haben, dass es kurz nach Ende der Osterferien eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen geben sollte. Doch die Beobachtung würde sich als schwierig herausstellen, denn das verbliebene Sonnenlicht wäre so hell, dass das Himmelsereignis nicht ohne Hilfsmittel beobachtet werden könnte.

Faszinierend war für mich die Vorstellung, den Mond in unbekannter Neumondphase sehen zu können. Nur die Tatsache, dass er die Sonne dabei abdeckt, würde ihn sichtbar machen. Warum es nicht bei jedem Neumond eine Sonnenfinsternis gibt, erschloss sich mir damals nicht, konnte mir wohl nicht schlüssig erklärt werden. Dabei ist die Antwort so einfach: Der Neumond zieht oberhalb oder unterhalb der Sonne vorbei, und ist somit kein 100%-iger Neumond.

Das wäre er erst bei einer totalen Sonnenfinsternis der Fall, wenn er komplett vor der Sonne steht, wenn es am Tag dunkel werden würde und man tagsüber Sterne sehen könnte. Wie das wohl aussehen würde? Für mich lag das Jahr 1999 damals in ferner Zukunft, das Jahr für das eine totale Sonnenfinsternis in Deutschland angekündigt war, auch wenn ich damals nicht wusste, dass die totale Phase der Finsternis den Ort meiner ersten Sonnenfinsternisbeobachtung verfehlen würde.

Aber für die am nächsten Tag bevorstehende partielle Sonnenfinsternis hatte meine Mutter eine Lösung: Mit einer Kerze Ruß auf eine Taucherbrille bringen, und dann durch die geschwärzte Scheibe beobachten. Dass diese Methode die Augen gefährdete, war uns damals nicht bewusst. Sie erschien als einzige Möglichkeit den Neumond vor der Sonne sehen zu können. Ein Teleskop für eine Projektion der Sonne stand uns nicht zur Verfügung. Dass eine Projektion auch mit einem Fernglas gehen würde, fiel uns entweder nicht ein, oder meine Eltern wollten mir das Fernglas meines Vaters nicht zur Verfügung stellen, was aus Sicherheits-Sicht mehr als verständlich gewesen wäre. Die Lochkamera-Projektion war uns nicht bekannt, sonst hätte ich sie sicher ausprobiert. Sonnenfinsternisbrillen, wie sie heute für die direkte Beobachtung üblich sind, gab es 1976 noch nicht. Die kamen in Deutschland erst 1999 zur totalen Sonnenfinsternis auf.

Bei der Beobachtung durch Ruß wird das sichtbare Licht zwar abgeschwächt, sodass es nicht mehr blendet, aber für die nicht wahrnehmbare, aber dennoch schädliche Infrarotstrahlung ist eine sichere Abschwächung durch den Ruß nicht mehr gegeben. Glücklicherweise habe ich keine Schäden davongetragen, denn am 29. April 1976, dem ersten Donnerstag nach den Ferien, gab es einen hellblauen wolkenlosen Himmel über Dreieichenhain und somit beste Beobachtungsbedingungen für die Sonnenfinsternis.

Nur fiel die Sonnenfinsternis auf den Vormittag, eine Zeit, die ich in der Schule verbringen musste. Ich war Schüler einer der ersten Klassen, die im neu erbauten Gebäude der Weibelfeldschule in Dreieichenhain unterrichtet wurden. Einige Räume waren für uns „Förderstufenklassen“ bereits nutzbar, auch wenn Teile des Gebäudes noch gesperrt und Baustelle waren. Offiziell eröffnet wurde die Weibelfeldschule als Organisation erst im Jahr 1977.

An diesem Donnerstag, den 29. April 1976, erinnere ich mich, dass ich die Sonnenfinsternis durch die hellblaue Taucherbrille in der zweiten Pause beobachtet hatte. Noch nach dem Klingeln zum Pausenende konnte ich mich von dem Himmelsblick kaum trennen, und sah noch durch Fensterscheiben hindurch gerade eben noch in hohem Winkel am Gebäuderand sichtbar die verfinsterte Sonne, und die 5. Stunde hatte bereits begonnen, ich kam als letzter in den wenige Meter entfernten Klassenraum.

Über das Programm „Stellarium“ lässt sich das Ereignis minutengenau nachvollziehen. So gab es in der zweiten Pause zwischen 11:15 und 11:30 Uhr die größte Verfinsterung. Die kleinen Pausen zwischen 10:25 und 10:30 Uhr und 12:15 und 12:20 Uhr hätten auch noch Beobachtungsmöglichkeiten für die Sonnenfinsternis ergeben. Die Zeitangaben sind in MEZ, 1976 gab es noch keine Sommerzeit.

10:30 Uhr MEZ

11:20 Uhr MEZ

11:30 Uhr MEZ

12:15 Uhr MEZ

Simulation der partiellen Sonnenfinsternis am 29. April 1976 in Dreieich-Dreieichenhain

Quelle: Stellarium

Genau erinnere ich nicht, ob ich in den kleinen Pausen etwas davon gesehen hatte, gegen 10:30 Uhr könnte es der Fall gewesen sein. Aber gegen 12:15 Uhr habe ich wohl nicht beobachten können, vielleicht entfiel sogar die kleine Pause, weil der/die Lehrer einfach „durchgemacht“ hatten. Ich glaube nicht, die Sonne nach der zweiten Pause an diesem Tag noch einmal verfinstert gesehen zu haben.

Mein Musiklehrer Heinz Berck hatte ein Teleskop, und sogar eine Kamera daran angeschlossen und hat die Sonnenfinsternis fotografiert. Ich erinnere nicht, dass er damit auf dem Schulhof gestanden hätte, vielleicht war er „versteckt“ in einem Innenhof oder in einem zutrittsbeschränkten Bereich wie dem Lehrerzimmer. Wahrscheinlich wäre der Andrang an Schülern sonst groß gewesen.

Partielle Sonnenfinsternis am 29. April 1976, Fotos: Heinz Berck

In seinem fotografischen Nachlass, den ich im Jahr 2025 geordnet und teilweise digitalisiert habe, fand ich einige Dias einer Sonnenfinsternis. Nicht nur, dass die Bilder mit der Astrometrie dieser Sonnenfinsternis zusammenpassen, sondern auch hat er seine Aufnahmen sorgfältig dokumentiert, sodass eine eindeutige Zuordnung möglich ist. Mit freundlicher Genehmigung seiner Erben kann ich nun diese Bilder in die Dokumentation meiner ersten Sonnenfinsternisbeobachtung vor 50 Jahren einfügen.

In den 50 Jahren seit 1976 hat mich die Beobachtung von Sonnen- und Mondfinsternissen jahrzehntelang begleitet. Meine Beobachtungen umfassen im Zeitraum von April 1976 bis April 2026 30 Sonnenfinsternisse (10 partielle, 6 ringförmige (davon eine nur in der partiellen Phase gesehen) und 14 totale (davon 2 nur in der partiellen Phase gesehen)), sowie 35 Mondfinsternisse (9 partielle, 20 totale (davon 3 nur in der partiellen Phase gesehen) und 6 Halbschattenfinsternisse). In dieser Zeit hat sich der Ort meiner ersten Sonnenfinsternisbeobachtung verändert. Der Schulhof ist nun von weiteren Gebäuden und vor allem von schattenspendenden Bäumen umgeben.

Schulhof der Weibelfeldschule im Sommer 1979 (Schulfest), Blick nach Süden, Foto: Heinz Berck

Schulhof der Weibelfeldschule am 19. April 2026, Blick nach Westen

Stephan Heinsius, Dreieich, im April 2026.

 

Jubiläums-Sonnenfinsternis in der Weibelfeldschule

Noch bevor im Jahr 1977 die Weibelfeldschule als Organisation gegründet wurde, wurde das Schulgebäude in Dreieichenhain bereits für Unterrichtszwecke genutzt. Im Schuljahr 1975/76 wurde in einigen Teilen der Schule noch gebaut. Doch es gab bereits Räume, die gerade rechtzeitig fertig geworden waren, sodass Dreieichenhainer Förderstufenklassen aus dem Gebäude der Ludwig-Erk-Schule nach den Sommerferien in das neue Schulgebäude umziehen konnten.

Ich war einer der Schüler dieser Klassen und erinnere mich an diese Zeit. Ein besonderes Ereignis, das ich wenige Tage nach Ende der Osterferien am 29. April 1976 auf dem Schulhof erlebte, jährte sich nun zum 50. Mal. Dass es genau dieser Tag war, und auch zu welcher Uhrzeit es passierte, kann ganz genau rekonstruiert werden, denn es handelt sich um eine partielle Sonnenfinsternis, deren Ablauf sekundengenau berechenbar ist. Ein wahrlich nachhaltiges Erlebnis für mich als 12-jährigen Schüler, denn in den 50 Jahren bis 2026 wird dies nur eines meiner insgesamt 30 Sonnenfinsterniserlebnisse aus aller Welt, in Wüsten, auf Berggipfeln, oder in eigens zur Beobachtung gecharterten Flugzeugen, gewesen sein.

Um 10:15 Uhr begann sich der Mond langsam vor die Sonne zu schieben, es herrschte ein zartblauer wolkenloser Himmel, beste Bedingungen für eine Beobachtung. Sonnenfinsternisbrillen, die eine sichere direkte Beobachtung der Sonne ermöglichen gab es 1976 noch nicht, sie kamen erst 1999 auf, als eine totale Sonnenfinsternis über Süddeutschland hinweg zog.

Mit einer rußgeschwärzten Taucherbrille ausgerüstet konnte ich dennoch den Neumond vor der Sonnenscheibe sehen. Eine Methode, von der man heute weiß, dass unbedingt von ihr abzuraten ist, denn der Ruß filtert zwar das sichtbare Sonnenlicht, nicht aber die unsichtbare ebenso schädliche Infrarotstrahlung. Schwere Augenschäden können die Folge sein. Glücklicherweise blieb ich davor verschont, und auch die Mitschüler, mit denen ich den Blick auf das Himmelsspektakel teilte. 

Das ist vielleicht auch dem Umstand zu verdanken, dass die Beobachtung in der zweiten Pause durch das Klingelzeichen hart unterbrochen wurde. Ich war der letzte Schüler, der zur 5. Stunde, die um 11:30 Uhr begann, in den Klassenraum kam, nachdem noch ein Blick zur hochstehenden Sonne durch das Fenster vor dem Klassenraum erhascht wurde. Der Blick zur Sonne nach dem Unterricht zeigte keinerlei Spur vom Mond mehr, denn die Finsternis endete etwa 10 Minuten vor Schulschluss um 12:51 Uhr.

11:46 – Auf dem Schulhof

12:14 – Auf dem Schulhof

12:17 – Auf dem Schulhof, 1976 während der zweiten Pause

12:27 – Auf dem Schulhof, vor dem Haupteingang der Schule, 1976 während der zweiten Pause

12:27 – Auf dem Schulhof, vor dem Haupteingang der Schule, 1976 während der zweiten Pause

12:42 - Blick durch das Fenster vor dem ehemaligen Klassenraum, die Satellitenantennen und meiner Erinnerung nach auch die Pyramide waren 1976 noch nicht da

12:43 - Blick durch das Fenster vor dem ehemaligen Klassenraum

12:44 MESZ - Blick durch das Fenster vor dem ehemaligen Klassenraum (dieser war hinter der Fensterfront neben der grünen Tür), Foto: Erik Grundmann

Genau 50 Jahre später, treffen ich mich am gleichen Ort mit Erik Grundmann, dem heutigen Leiter der Weibelfeldschule. Wie vor 50 Jahren geht der Blick durch das Fenster zur Sonne am strahlend blauen Himmel über der Schule. Und nun kann ich die Sonnenfinsternis ungestört weiter beobachten, dank der Simulation „Stellarium“, auf meinem mitgebrachten Tablet, das den Blick zur Sonne am gleichen Ort zeigt, exakt 50 Jahre zuvor.

Stephan Heinsius, Sonnenfinsternisreisender und ehemaliger Schüler, und Erik Grundmann, Leiter der Weibelfeldschule am 29.04.2026 um 12:45 MESZ (11:45 MEZ), Foto: Jan-David Kulke

Zuvor gibt es noch einen Blick in den ehemaligen Klassenraum, der in den 2000er Jahren umgebaut worden ist, heute stehen PCs dort.

Eine Besonderheit ist bei dieser Zeitreise zu beachten gewesen. Da es 1976 noch keine Sommerzeit gab, war den Zeiten von damals jeweils eine Stunde hinzuzuaddieren, um auf die exakte Zeit 50 Jahre später zu kommen.

Dieses Jubiläum ist wahrscheinlich nur ein kleines Vorprogramm, denn im Jahr 2027 steht für die Weibelfeldschule das 50-jährige Jubiläum ihrer Gründung an.

Stephan Heinsius, Dreieich, 29.04.2026

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