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Blick zum Melibokusmond

Erlebnisbericht von der totalen Mondfinsternis am 07. September 2025 in Gernsheim

Sozusagen als Gegenstück zur totalen Mondfinsternis vom 14. März 2025, bei der der Mond total verfinstert von Portugal aus gesehen über dem Atlantik unterging, sollte er nun zur nächst folgenden totalen Mondfinsternis am 07. September 2025 total verfinstert aufgehen, und das am heimatlichen Himmel über Südhessen. Bei Planung meiner Aufnahmen für diese Mondfinsternis war eine wesentliche Frage, in welcher Höhe über dem Horizont der total verfinsterte Mond sichtbar werden würde. Und wie tief die Sonne dann unter dem Horizont stehen würde, für das Ausmaß an Streulicht in der Atmosphäre. Als Anhaltspunkt hierzu dienten mir die Bilder, die ich beim total verfinsterten Monduntergang in Portugal gemacht hatte und ihre dokumentierten Aufnahmezeiten.

Der südlich von Dreieich gelegene markante Melibokus, westlichster Berg des Odenwaldes, wäre ein schöner Vordergrund für den verfinsterten Mondaufgang, so dachte ich, als ich mich nach möglichen Beobachtungsorten im Umkreis von Dreieich umsah. Ich recherchierte mit Hilfe der Apps Google Maps, Peakfinder und Stellarium mehrere Orte mit dem "Melibokusmond-Blick" und entschied mich dann, bereits am Tag vor der Mondfinsternis, am 06. September 2025, eine Beobachtung des unverfinsterten Mondaufgangs am Melibokus zu probieren. Ich entschied mich für Orte bei denen der Melibokus eine Höhe von etwa 2 Grad über dem Horizont erreicht, um am 07. September 2025 einerseits den verfinsterten Mond noch nah am Berg stehen zu haben, wenn er als roter Mond am blauen Himmel gut sichtbar würde (bei einer Höhe von etwa 4 Grad rechnete ich damit) und andererseits der Mond im Verhältnis zum Berg nicht zu klein wirken sollte.

Samstag, 06. September 2025

Entgegen meiner vorherigen Wettererwartungen zeigen sich am späten Nachmittag des 06. Septembers gegen 18 Uhr reichlich Cirrengebiete, die von West-Nordwest langsam hereindriften, im Südwesten etwas stärker als im Nordwesten. Wäre es sinnvoll, die etwa 40 Minuten dauernde Fahrt zum Melibokusmondblick zu machen? Im Zweifel wäre es "nur" ein Melibokusblick. Ich schätze den Beobachtungserfolg auf etwa 40% ein, da die Cirrengebiete doch einige Löcher aufweisen, und zum Sonnenuntergang häufig Auflösungstendenzen zeigen. Also fahre ich los, mit Musik zweier CDs, die ich mir am Abend zuvor beim Konzert einer jungen Dreieicher Rockmusikerin, Leonie Jakobi (ihr Vater ging mit mir in die gleiche Schulklasse), gekauft hatte. Es geht also rockig zur Generalprobe der Mondfinsternis. Umso ruhiger ist es an meinem Zielort, an der Nordostecke des Parkplatzes vor dem Waldfriedhof Allmendfeld östlich von Gernsheim. Sommerliches Zirpen im Feld, mit Blick, nicht nur auf den Melibokus, sondern im Westen auch auf den Donnersberg, der sich schön neben dem Turm der katholischen Kirche von Gernsheim gegen den Dämmerungshimmel abhebt, ein nicht erwarteter, schöner Blick. 

Donnersberg und Turm der katholischen Kirche von Gernsheim in der Abenddämmerung

Exakt wie von Peakfinder vorhergesagt, erscheint der Mond hinter dem Nordrand des Melibokus um 19:56 MESZ. So kräftig und klar hätte ich ihn nicht erwartet, Etwas Dunst lässt wohl das horizontnahe Wolkenloch, das ihn scheinen lässt, schwächer wirken als es ist.

Melibokus mit Mondaufgang am 06. September 2025 19:56 MESZ am Waldfriedhof von Gernsheim

Stephan Heinsius und Melibokus-Mondaufgang am 06. September 2025 19:58 MESZ

Aufnahme des Melibokus-Mondaufgangs am 06. September 2025 20:03 MESZ

Nach wenigen Minuten verschwindet der Mond jedoch in nach oben immer dichter werdenen Cirren. Nicht einmal ein Hauch von Schimmer ist erkennbar, als er etwa 2 Grad oberhalb des Melibokusgipfels vorüberzieht. Erst als er diese Linie überschritten hat ist wieder ein Hauch von Mondlicht zu erkennen. Schade, der über dem Melibokus thronende Mond zeigt sich nicht wie erhofft, dafür ein schöner Mondaufgang am Melibokushorizont um 19:56 Uhr. Ich nutze die Zeit des "abwesenden" Mondes, denn hier werden sehr schön präsentiert verschiedene Kürbissorten angeboten. Kurze Abstimmung mit zu Hause, und ich kaufe zwei, gerade heute gab es bei uns den ersten Kürbis der Saison zu Mittag. Wieder zu Hause angekommen steht der Mond klar zwischen Cirren und dazu gibt es der Vollständigkeit halber noch eine Aufnahme bei langer Brennweite.

Mond am 06. September 2025 21:49 MESZ

Sonntag, 07. September 2025

Die Sonne scheint an diesem Sonntag, doch der Himmel ist nicht ganz blau. Zahlreiche Cirrenbänder durchstreifen alles über uns, im Westen etwas weniger, im Osten etwas mehr. Es ist sommerlich warm, deutlich über 20 Grad. Ich verfolge die Entwicklung auf Wetterseiten wie windy.com und wetteronline.de. Eine nördliche bis nordwestliche Strömung führt die Cirren von der Nordsee quer über Deutschland zum Bayerischen Wald und an die Alpen. Gegen Mittag bildet sich ein neues schmales aber langes Cirrengebiet, vielleicht 10 bis 20 km breit und mehrere 100km lang, über der Nordsee, zieht sich lang über Bremen, an Hannover vorbei Richtung Kassel. Am Nachmittag die Bewegung extrapoliert, würde die Spitze dieses Bandes gerade ein Gebiet nordöstlich von Heilbronn, an der Landesgrenze von Bayern und Baden-Württemberg erreichen. Genau da, wo ich klaren Himmel bräuchte, um wie geplant den total verfinsterten Mond von meinem präferierten Beobachtungsort östlich von Gernsheim in etwa 4 Grad Höhe über dem Melibokus stehen zu sehen. Da es zu dem Zeitpunkt um 20:22 MESZ noch dämmrig sein würde, wäre der Mond bei besten Bedingungen dann gerade sichtbar geworden. Das zeigen mir Vergleichsbilder, die ich am 14. März bei entsprechendem Sonnenstand unter dem Horizont während der totalen Mondfinsternis in Portugal aufgenommen hatte.

Im Verlauf des Nachmittags, die Cirren haben Kassel, später die Region von Fulda erreicht und in Dreieich erst eine Höhe von etwa 4, später 5 bis 6 Grad erreicht, tendiert das Cirrenband in westliche Richtung, wobei ein klares Gebiet östlich davon über den Horizont kommt. Sollte ich nun Richtung Osten fahren um unter dem Cirrenband hindurchzublicken, oder Richtung Westen, um den Mond oberhalb des Bandes zu erwarten, leichte Auflösungstendenzen zu Sonnenuntergang einkalkuliert?

Wolkensituation in Dreieich, Blick Richtung Norden, am 07. September 2025 18:35 MESZ

Stephan Heinsius: "Auf geht's zur Mondfinsternis", am 07. September 2025 18:37 MESZ

Bis ca. 18:30 Uhr möchte ich meine Standortentscheidung getroffen haben, um diesen noch rechtzeitig erreichen zu können. Zur Wahl steht der Melibokusblick östlich von Gernsheim, oder die Sternenbank oberhalb von Schwabenheim südwestlich von Mainz. Die Orte liegen etwa 35 km Luftlinie auseinander, grob in einer Richtung mit dem gewünschten Monderscheinungspunkt in etwa 4 Grad Höhe. Beide Orte wären von diesem Cirrenband betroffen. Schließlich entscheide ich mich für den Melibokusblick, denn die Cirren sind doch relativ dünn, nur bis ca. 4 Grad über dem Horizont sind sie wohl zu dicht für einen Mondblick, und die Hoffnung auf einen kleinen horizontnahen freien Bereich gibt es bei Gernsheim, während in Schwabenheim der Horizont nicht den schönen Vordergrund bietet wie der Blick auf den Odenwald mit Melibokus.

Am Nachmittag habe ich schon meine Beobachtungsausrüstung zusammengepackt, und belade nun mein Auto. Kleines Abendessen und gegen 19:15 geht es los, an meinen Beobachtungsort an einem Feldweg direkt an der Bundesstraße 44 östlich von Gernsheim.

Stephan Heinsius am Beobachtungsort mit Blick auf den Melibokus am 07. September 2025 19:27 MESZ

Die Gerätschaften sind zügig aufgebaut, gegen 20 Uhr kann es losgehen. Zuerst setze ich frühzeitig die Einzelbildaufnahmen durch die Canon EOS450 auf separatem Stativ in Gang. Bei etwa 70mm Brennweite ist der Melibokus fest im Bild, die Änderungen einschließlich des Erscheinens des total verfinsterten Mondes sollen im Zeitraffervideo aufgezeichnet werden. Die App Peakfinder zeigt mir um 20:09 MESZ an, wie der Mond den Horizont etwas links des Melibokusgipfels überschreitet. Jetzt wird es spanend! Ich blicke auf das Display meiner EOS M50, fokal hinter einem Scopos APO ED 66/400 Refraktor montiert: glasklare Strukturen der Bäume, aber kein Mond dahinter erkennbar.

"Ready for the moon": Beobachtungsinstrumente am Beobachtungsort mit Blick auf den Melibokus am 07. September 2025 19:52 MESZ

Minuten vergehen. Vergebliche Blicke auch durch den Feldstecher. Weiterhin kein Mond, die Cirren blocken, und noch ist die Sonne eine starke Konkurrenz. 5 Grad steht sie schon unter dem Horizont und es ist jetzt 20:22 Uhr, der Zeitpunkt zu dem der Mond den Azimut des Melibokusgipfels erreicht, d.h. genau über ihm steht, 4 Grad hoch, der Gipfel etwas über 2 Grad hoch. Schade, der erhoffte Blick ist nicht gegeben. Weitere Minuten vergehen. Nun muss er doch bald mal kommen. Weiterhin keine Spur im Feldstecher, auch nicht im Display der M50. Parallel habe ich auf separatem Manfrotto Stativ meine Canon EOS R5 mit 100-500mm Teleobjektiv im Einsatz, und mache immer mal wieder Fotos. Reingezoomt, ist da irgendwo der Mond schwach auf dem Foto zu sehen? Ja, da ist er! Ganz schwach.

Jetzt geht es los. Kurze Ansage des fotografischen Nachweises auf mein Handy - auch zu dieser Finsternis soll es einen filmischen Erlebnisbericht geben. Zunächst nur auf Fotos, dann auch schwach mit bloßem Auge, ist der Mond rechts oberhalb des Melibokusgipfels zu sehen, in etwa 5 Grad Höhe. Inzwischen sind einige andere Beobachter in der Nähe, vielleicht etwa 15 Leute. Es gibt kurze Gespräche, aber im Prinzip beobachten die Gruppen jeweils für sich. 

Totale Mondfinsternis über dem Melibokus 07. September 2025 20:26 MESZ, fotografischer Nachweis

Totale Mondfinsternis über dem Melibokus 07. September 2025 20:30 MESZ

Totale Mondfinsternis über dem Melibokus 07. September 2025 20:37 MESZ

Totale Mondfinsternis 07. September 2025 20:38 MESZ

Die SkyWatcher AZ-GTiX Montierung funktioniert überraschend gut und problemfrei, keine Verbindungsprobleme mehr, die inzwischen erfolgten Updates auf Betriebssystem des iPads und der Firmware scheinen nun Abhilfe geschaffen zu haben. Die Nachjustierung per App auf dem iPad funktioniert problemlos. Aber der Touch Screen Auslöser der M50 reagiert plötzlich nicht mehr. Seitdem ich die Kamera samt Teleskop senkrecht ausgerichtet hatte, um Gipfel und Mond in ein Bild zu bekommen. Merkwürdig. Neueinstellung, Ein-/Ausschalten, nichts davon hilft. Durch Drücken des Auslösers verwackeln langbelichtete Aufnahmen, ärgerlich, schade. Aber ich habe ja noch die R5. Die nehme ich vom Manfrotto-Stativ und setze sie auch auf der Montierung, diese hat ja zwei Positionen. Die Aufnahmen werden gestochen scharf, 13 Sekunden bei 500mm roter Mond an blauem Himmel, mit Sternen nebendran. Der Autofokus durch das 100-500mm Tele funktioniert unerwartet gut, erkennt den total verfinsterten Mond. Ohne Tele-Extender, bei diesem gibt es bereits bei unverfinstertem Mond manchmal Probleme, so verlor ich etwa vor eine Woche zwei Fotos mit Flugzeug vor dem Mond wegen Versagen des Autofokus. Ein seltener Moment, in dem ich mich, auch wenn nur für ein paar Sekunden, richtig geärgert hatte.

Totale Mondfinsternis über dem Melibokus 07. September 2025 20:41 MESZ

Totale Mondfinsternis 07. September 2025 20:41 MESZ

Totale Mondfinsternis 07. September 2025 20:45 MESZ

Totale Mondfinsternis über dem Melibokus 07. September 2025 20:48 MESZ

Totale Mondfinsternis über dem Melibokus 07. September 2025 20:55 MESZ

Nach und nach gehen, noch während der Totalität, andere Beobachter und verlassen die Gegend. Mit einem Vater und seiner kleinen Tochter komme ich kurz in ein nettes Gespräch, sie bleiben ein paar Minuten länger, um den Austritt des Mondes aus dem Kernschatten noch zu sehen, der jetzt in zwei Minuten um 20:53 MESZ bevorsteht.

Und der ist, nicht so krass wie nach einer totalen Sonnenfinsternis, merklich zu sehen. Bereits vorher ist der Mond unten links deutlich heller: unscheinbar, aber unaufhörlich vergrößert sich der schmale Streifen an Sonnenlicht und zehrt immer mehr am roten Mond. Mit zunehmender partieller Phase mache ich auch Zeitrafferaufnahmen mit der EOS R5. Da die Nachführung die Kamera genau auf den Mond ausgerichtet behält, sollte in Zeitraffer der Abzug des Kernschattens von der Mondoberfläche gut sichtbar werden.

Partielle Phase: Mond mit Cirren, links der Stern Phi Aquarii 07. Setember 2025 21:03 MESZ

Partielle Phase: Mond mit Cirren 07. September 2025 21:10 MESZ

Der hell beleuchtete Teil des Mondes wird größer. Immer wieder mache ich Aufnahmen, nun auch wieder mit der Canon EOS M50 bei kurzer Belichtungszeit von 1/400s ohne Verwacklungsgefahr. Ich stelle dann irgendwann fest, dass ich nun meine auf einem Stück Luftpolsterfolie ausgebreiteten Kleinteile im Mondlicht gut erkennen kann: Er scheint. 

Partielle Phase 07. September 2025 21:17 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:23 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:31 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:33 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:34 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:35 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:44 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:44 MESZ

Partielle Phase 07. September 2025 21:49 MESZ

Drei Minuten vor Ende der partiellen Phase 07. September 2025 21:54 MESZ

Mondfinsternis über dem Odenwald 07. September 2025 21:56 MESZ

Den Himmel durchzieht fast durchweg eine dünne Cirrenschicht, die für den Blick auf den hell strahlenden Mond keinerlei Beeinträchtigung darstellt. Die schöne Landschaft liegt jetzt im Mondlicht vor mir, die Kette des Odenwaldes über einem vielleicht einige Kilometer entfernten Wald, davor eine große ebene Ackerfläche. Hinter mir die Straße, die doch sehr viel stärker befahren ist, als ich unbewusst erwartet hatte. Die vorbeifahrenden Autos stören die Tonspur meiner Videoaufnahmen, sprechen tue ich möglichst in den Lärmpausen. Doch die Autos haben auch Vorteile, so ergeben sich schöne Beleuchtungseffekte durch die sich bewegenden Scheinwerfer. Flugzeuge, die den Frankfurter Flughafen von der Startbahn West aus verlassen sind dagegen deutlich leiser, hinterlassen auf einigen Bildern Lichtspuren, wie auf einem Foto der Straße mit den davor stehenden Bäumen.

Halbschatten-Phase 07. September 2025 21:59 MESZ

Nun geht die partielle Phase zu Ende, 21:57 MESZ. Nach etwa einer weiteren Stunde ist auch die Halbschattenphase um 22:55 MESZ zu Ende, die aber lange vorher nicht mehr wahrnehmbar ist. Wann genau sie aus meinen Blicken geraten ist, darauf habe ich nicht geachtet, denn ich baue bereits meine Ausrüstung ab und packe zusammen. Nur noch die ein oder andere Aufnahme der Landschaft im Mondlicht gemacht.

Beobachtungsort am Rande der Straße B44 östlich von Gernsheim 07. September 2025 22:48 MESZ

Ich fahre nach Hause, bringe meine Sachen in Haus. Kurz nach Mitternacht bringe ich noch einmal die Kamera in Aktion, um den ganz vollen Vollmond zu fotografieren. Bis nach 4 Uhr bin ich noch beschäftigt mit Download der Bilder von den Kameras und deren Verarbeitung, und natürlich wie auch schon am Beobachtungsort immer mal wieder die Sichtung der anderen Mondfinsternisbilder die mich über die Eclipse WhatsApp Gruppe aus Griechenland, Italien und Schwabenheim bei Mainz erreichen, und schließlich der Bereitstellung meiner Bilder in dieser Gruppe.

Vollmond 08. September 2025 00:04 MESZ

Vollmond über Götzenhainer Dächern 08. September 2025 00:06 MESZ

Stephan Heinsius, 06.-08.09.2025

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